Foto: Micha Sswat

Isabell Hentschel hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Die junge Forschungstaucherin, Mitglied im TSC Neptun Kirchberg, berichtet uns regelmäßig begeistert von ihren Forschungsreisen! Du hast Interesse, mehr zu erfahren? Dann melde dich unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Vom Polarkreis bis zur Urlaubsinsel mit Zwischenstopp in Kiel – Aktuelles aus der Meeresforschung

Mein Name ist Isabell Hentschel, eine gebürtige Sächsin mit Sehnsucht nach Meer, daher bin ich auch nach Kiel ausgewandert, wo ich mich sehr gut mit dem norddeutschen Gemüt angefreundet habe.
Ich möchte euch einen kleinen Einblick in mein Jahr 2025 geben. Euch erwarten einige Projekte im Bereich der Meereswissenschaften mit dem Schwerpunkt auf Biogeochemie und Tauchen.
Wie der Titel bereits verrät, habe ich das Jahr 2025 auf sehr unterschiedlichen Breitengraden verbracht. Von März bis Mai war ich zum ersten Mal nördlich des Polarkreises unterwegs – auf 78° N in Longyearbyen auf Spitzbergen – für ein Auslandssemester.

Neben der zunächst sehr karg wirkenden Eiswüste und dem langsam zurückkehrenden Sonnenschein in die Stadt, war ich sehr überrascht von den Hotels und Einkaufsmöglichkeiten vor Ort. Das University Center in Svalbard (UNIS) erinnert eher an eine luxuriöse Polarstation. Auch an uns Studierenden wurde nicht gespart: In der ersten Woche absolvierten wir Survival- , Schieß-, Lawinen-, See- und Meereis-, Scooter- sowie Eisbärwache-Trainings, da alle Kurse auch Feldarbeit in der Arktis beinhalteten.

Während meines ersten Kurses durfte ich die Lebensgemeinschaften und die harschen Bedingungen von Seen mit einer meterdicken Eisschicht kennen lernen. Der wichtigste Faktor für die Frühjahrsblüte ist dabei das Licht und dessen Eindringtiefe ins Wasser.

Für meinen zweiten Kurs untersuchte ich Schnee, Matsch, Meerwasser, Meeresorganismen und Rentierfäkalien auf diverse persistente organische Schadstoffe (POPs), darunter auch PFAS-Verbindungen. Durch den Prozess des Verdunstens von Giftstoffen in den Äquatorregionen und das Kondensieren dieser Verbindungen an den Polen, was man auch als „Arctic Trap“ bezeichnet, reichern sich enorme Mengen an Schadstoffen vor allem in den höheren Gliedern der Nahrungskette an.

So wurden PFAS-Kontaminationen in Eisbären ähnlich denen eines chinesischen Industriearbeiters festgestellt. Auch der lokale Eintrag von POPs darf dabei nicht unterschätzt werden. Longyearbyen zum Beispiel entstand als reine Kohlesiedlung, und die letzte Mine sollte erst in diesem Jahr geschlossen werden. Für mich persönlich war es ein ziemlich großer Schock, dass selbst diese scheinbar so unberührte Eiswüste so unter menschlichem Eintrag leidet. Hier kommt natürlich auch noch der fünf- bis achtmal stärkere Klimawandel hinzu. Viele Fjorde, die noch vor 15 Jahren komplett zugefroren waren – daher auch der Name Isfjorden, also „Eisfjord“ – tragen heute im Frühjahr oft gar kein Eis mehr.

Ist die Region im Winter von einer dicken Schneedecke beherrscht, so fängt es ab Ende April / Mai an, so stark zu tauen, dass Longyearbyen ganz neu von Flüssen definiert wird und sich das gesamte Hinterland in eine große Matschlandschaft verwandelt.

Mit etwas schwerem Herzen verabschiedete ich mich schließlich von dieser einzigartigen Landschaft. Ab Juni ging es für mich wieder zurück nach Deutschland, genauer gesagt in die Ostsee zum Seegraswiesenprojekt „SeaStore II“. In Kooperation mit Meeresinstituten in Kiel, Warnemünde und der Uni Greifswald haben wir als Forschungstaucher bereits etablierte Flächen beprobt und in Mecklenburg-Vorpommern auch neu angepflanzt.
Mehrere Organisationen sind momentan auch im Rahmen von Citizen-Science-Projekten beim Seegras aktiv, da diese ehemals reichhaltigen Ökosysteme einen natürlichen Kohlenstoffspeicher in der Ostsee darstellen. Durch die jahrzehntelange Überdüngung sind jedoch viele dieser Flächen stark zurückgegangen. Umso erfreulicher ist es, dass die aktuellen Wiederansiedlungsprojekte zunehmend Erfolg zeigen. Verbesserte Sichtweiten im Wasser sorgen dafür, dass wieder mehr Sonnenlicht bis zum Meeresboden gelangt – eine wichtige Voraussetzung für das Wachstum von Seegras.

Meine letzte Etappe in 2025 brachte mich auf knapp 28° N: Gran Canaria, in Kooperation mit dem GEOMAR in Kiel. In dieser sehr nährstoffarmen Region haben wir ein langjährig wiederholtes CDR-Experiment (Carbon Dioxide Removal) durchgeführt.

In sogenannten Mesokosmen – das sind abgeschlossene trichterförmige Experimentiereinheiten im Wasser (siehe Foto) – werden verschieden hohe Konzentrationen von basischen Stoffen eingebracht. Damit wird der pH-Wert erhöht, und das Meerwasser kann wieder mehr CO₂ aus der Atmosphäre aufnehmen.

Momentan leiden ja zahlreiche Ökosysteme unter der Ozeanversauerung, und CDR ist ein Hoffnungsträger, um mit menschlichen Mitteln – ähnlich der großräumigen Kalkung von versauerten Wäldern – Einfluss auf das Kohlenstoffsystem im Meerwasser zu nehmen.

Wir als Forschungstaucher hatten bei diesem Experiment die angenehme Aufgabe, die Mesokosmen mithilfe einer Bürste von Algen freizukratzen.
Rückblickend auf das Jahr muss ich sagen, dass ich einige neue faszinierende Lebensräume sowie engagierte Menschen kennen lernen durfte. Allerdings erschreckt mich auch der globale anthropogene Einfluss und das anhaltende politische Wegignorieren dieser Probleme.

Der Klimawandel ist für viele Menschen inzwischen nicht mehr die Krise Nummer eins. Vielleicht auch, weil man sich angesichts der Dimensionen oft machtlos fühlt. Aber vielleicht sollten wir alle etwas mehr innehalten in unserem Konsumverhalten, z. B. beim Fleischkonsum, oder doch den Drahtesel nutzen, wann immer es geht.

Denn am Ende hängt auch für uns Taucher viel davon ab, dass diese einzigartigen Ökosysteme erhalten bleiben.

Eure Isabell